"Absolutus"


Franz Kummering auf der Suche nach der Sprache. Eine Novelle in Anlehnung an die analytische Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins, geschrieben in einem eigenwilligen Sprachduktus. 

Der Ursprung von Kummerings Suche liegt in seiner gescheiterten mündlichen Abschlussprüfung des mathematischen und physikalischen Studiums begründet, wobei er die Gründe des Scheiterns nicht herausfindet. So fährt er von München zurück zu seiner Frau Olga ins heimatliche Dorf, wo er in der Folge die Suche nach der Sprache aufnimmt, da er durch ein Erlebnis während der Zugfahrt die Gründe seines Scheiterns in einer fehlerhaften Kommunikation vermutet.

Stationen der Sprachsuche Kummerings sind dabei u.a. das Beiwohnen und Analysieren des Schulunterrichts, da er dort das systematische Erlernen von Sprache vermutet, Untersuchungen über Sprachgenese in der anthropologischen Abteilung der Universitätsbibliothek, der Besuch eines geistig verstörten Mannes in der Psychiatrie und Experimente mit seiner Frau und anderen Dörflern zur non-verbalen Kommunikation.

 

Auszug:

"Kummering hingegen hatte es nicht eilig. Wohl eher war er so in Gedanken vertieft, dass er sich eines in der Zeit haltigen Gefühls nicht bewusst war oder wurde. Er trat ganz langsamen Schrittes den Heimweg an, nachdenklich und tief. Daheim sogleich bezog er Stellung am Schreibtisch und wusste nicht schnell genug sein Heft, das ihm seine Olga gegeben hatte, vor sich, um seine Eindrücke zu sichern und um sein erstandenes Wissen darniederzulegen. Hielt der Kummering in der Folge fest, dass die Kinder in die Schule gehen, um dort die Sprache, die sie jeden Tag sprechen, seitdem sie sprechen können, auch schreiben und lesen zu lernen. Hielt der Kummering fest, dass der Herr Lehrer die Person sei, die dieses bewerkstelligen sollte. „Der Lehrer bringt den Kindern also ein System bei, mittels dessen sie sich ausdrücken können. Allerdings“, so notierte der Kummering, „können die Kinder bereits sprechen, wenn sie in die Schule gehen. Das Sprechen haben sie durch ihre Eltern und Großeltern erlernt, nicht bewusst freilich war dieser Vorgang, sondern ein gegebener natürlicher, mitläufig sozusagen, indem die Kinder den umstehenden Erwachsenen zuhörten seit Anbeginn und eines Tages anfingen mit dem Nachplappern, erst wohl noch beschwerlich, das sicherlich, so doch eines Tages frei und flüssig heraus. So sind ihnen die dörflichen Begriffe wie Kuh und Bauer keineswegs fremd, sondern wohlbekannt, und so trägt dies dazu bei, dass des Lehrers Vorgehensweise so schnelle Früchte trägt. Er kann auf ein gewisses Fundament hingreifen und weitet dieses nach seinen Vorstellungen aus, indem er das Können der Kinder in bestimmten Bahnen erweitert und lenkt. So oder so, ob Eltern, Großeltern oder Lehrer“, hielt der Kummering ausdrücklich und daher unterstrichen fest, „sind beim Erlernen von Sprache stets andere Menschen anwesend, die geradlinig Einflussnahme üben, ergo ist ein Gegenüber erste Vorbedingung für Sprache.“ Kummering dachte nun, dass dereinst es ein Kind, das jeder Mensch irgendwann gewesen ist, gegeben habe, das noch nicht sprechen konnte, seine Eindrücke also nicht mitteilen konnte, da ihm dieses System Sprache fehlte. Die Eindrücke aber hatte das Kind gleichwohl, diese sind ihm nicht abzuleugnen. Wie nun gestaltete sich dieser erste Eindruck, der noch von nichts beeinflusst wurde? Der Gedanke ist noch rein im sprachlosen Kinde, wird dort unabhängig erzeugt, bis…, bis…, grübelte der Kummering, bis es mit dem System Sprache erst durch die Familie, später in der Schule, in Kontakt gerät. Ist dieser Kontakt erstmal zustande gekommen, wird das Kind niemals wieder in sein ursprüngliches Erleben zurückkönnen. Sie, die Kinder, lernen dieses System, das sie folgsam daherbeten mögen im Unterricht, und unlängst sind sie abgekoppelt von der Unberührtheit, zudem abhängig von diesem System. Denn jeder Gedanke, jedes Bild, ja, jeder Eindruck zuweilen, wird in dieses System gepresst, denn Gedanke, Bild und Eindruck werden fortan noch im Kopfe in einer darstellenden Weise gebildet und nehmen ein gleichermaßen objektives Eigenleben an, welches völlig losgelöst vom einzelnen Menschen existiert. Die erlernte Sprache verkleidet den ursprünglich reinen Gedanken, denn ob das, was die Sprache uns ermächtigt zu sagen, so dachte der Kummering, auch dem entspricht, was wir zuvor noch empfunden haben, lässt sich nicht mehr sagen, geschweige empfinden. Und obgleich Kummering sich dieser Erkenntnis gewiss war, wollte er doch denjenigen Versuch wagen, der ihm im Kopfe wohnte. Ersann der Kummering mittels der Fragen Was denke ich? – und Was sage ich anschließend? – und Ist das kongruent zueinander, was ich gedacht und später gesprochen habe? einen Selbstversuch, in welchem er das Früheste, das Sprachlose noch, das a priori erspüren wollte."

 

2011

Hardcover, Schraubbindung, in Leinen gebunden

Größe: 21cm x 14,4cm

Sprache: Deutsch

Preis: 30 Euro

 

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